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Das Musiktherapie-Konzept der Ohren-Werkstatt für Jugendliche

Konzept Musiktherapie
Musiktherapie muss sich, genauso wie Psychotherapie im allgemeinen, den besonderen Herausforderungen stellen, die die Gruppe jugendlicher Klienten an sie stellt. Hier ist zu berücksichtigen, dass es sozusagen zum „normalen Entwicklungsprogramm“ der Pubertät des Menschen gehört, krisenhafte Zustände zu durchleben. Normalerweise sind die jungen Menschen noch nicht sehr gefestigt in ihrer Ich-Identität und Persönlichkeit. Da die Konfrontation mit einer psychotherapeutischen Behandlung normalerweise leider auch mit Entwertungsprozessen einhergeht, bedeutet dieser Zusammenhang im schlimmsten Fall, dass die Krisen des jungen Menschen durch die Psychotherapie zunächst sogar noch erheblich verschärft werden könnten. Weitere Herabsetzungen eines sowieso instabilen Selbstwertgefühls sind im Verlauf der Pubertät „Gift“ für die weitere Entwicklung und können die positiven Wirkeffekte einer Therapie ad absurdum führen, wenn der Prozess nach dem Motto beginnt: „Du funktionierst nicht richtig!“ oder: „Du hast ’ne Macke, also musst du ’ne Psychotherapie machen!“


Die geschilderten Herausforderungen gelten auch und insbesondere für Jugendliche und junge Erwachsene, die aufgrund ihrer Entwicklungsverzögerungen oder Behinderungen ohnehin zahlreiche, ungelöste Konflikte in sich tragen. Oft ist es diese besondere Klientel, die sich zusätzlich zu den „normalen Pubertätskrisen“ auch noch mit massiven gesellschaftlichen Entwertungen auseinandersetzen muss, mit Versagenserfahrungen in Schule, mit Ablehnungen durch ihre ersten Schwärmereien und mit sexueller Frustration. Die jungen Menschen haben erfahren, dass bei ihnen nun nicht mehr das „Kindchenschema“ funktioniert und dass sie daher nicht mehr mit dem Verständnis der Umwelt für ihr „Riesenbaby-Sein“ rechnen können.

Es wundert also kaum, dass die Wahrscheinlichkeit für junge Menschen mit „geistiger Behinderung“ eine psychische Auffälligkeit oder Störung zu entwickeln um das 3 bis 4-fache erhöht ist. Die enorm erhöhte Zahl an Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die eigentlich einer psychotherapeutischen Behandlung bedarf, steht einer verschwindend geringen Zahl tatsächlich durchgeführter Behandlungen entgegen. Mag sein, dass dies die Folge fehlender Behandlungsplätze oder Finanzierungsmöglichkeiten der Psychotherapien für behinderte Jugendliche ist, oder es könnte sein, dass es in der Sache selbst liegt, für junge, ich-schwache Menschen eine positive, konstruktive Behandlung zu beginnen, die sie nicht noch stärker in den „Strudel ihrer krisenhafte Zustände“ führt.

Das Konzept der Ohren-Werkstatt für die Musik-Psychotherapie mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen hat sich eindringlich mit den beschriebenen Herausforderungen auseinandergesetzt. Das Ergebnis dieser Überlegungen ist, dass ich immer wieder versuche, jungen Menschen über die Musik eine Art Proberaum zur Verfügung zu stellen, wie sie auf sich selbst und auf andere wirken. Musiktherapie in der Ohren-Werkstatt hat für die Jugendlichen keine Herabsetzung ihres Selbstwerts zu Folge:

„Musik-Machen ist cool, besonders auf coolen Instrumenten!“

Wichtig ist hier die Vorauswahl der Instrumente der Musiktherapie dahingehend zu treffen, dass Instrumentengruppen, die als kindisch oder schulisch empfunden werden, aussortiert werden. „Cool“ ist, was den Jugendlichen in ihrer Jugendkultur als „angesagt“ gilt, das heißt z. B., was in Musikvideos als aktuelle Modeformen vermittelt wird. Wenngleich hier die speziellen Sounds und modischen Accessoires einem ständigen, kaum nachvollziehbaren Wechsel unterworfen sind, ist es für die Jugendlichen meist ausgesprochen attraktiv, elektrische Instrumente zu spielen (E-Bass, E-Gitarre, Keyboards, Soundeffekte). Darüber hinaus gelten Schlagzeug und ähnliche Schlaginstrumente als „cool“, und viele Jugendliche trauen sich in der Musiktherapie sogar zu singen, sofern ein Mikrofon zur Verfügung steht (am besten in Kombination mit einem Spiegel, um sich dabei ansehen zu können). All diese Instrumente stehen in der Ohren-Werkstatt zur Verfügung und werden gerne von den Jugendlichen genutzt.

Ähnlich wie in der Musiktherapie mit Kindern erfolgt die Musiktherapie mit Jugendlichen auch in Einzeltherapie oder in Kleinstgruppen. Kontinuierlich stattfindende Elterngespräche sind ebenfalls wichtig für die Wirksamkeit und den Erfolg der Musiktherapie. Inhaltlich zeichnen sich die Therapien mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen dadurch aus, dass sie deutlich realitätsbezogener sind. Der Ablauf der einzelnen Sitzungen ist zwar nicht vorstrukturiert – ich versuche als Musiktherapeut jedoch deutlich stärker den „roten Faden“ zu finden und festzuhalten. Manchmal bleibt die Musiktherapie dennoch eine Gratwanderung, folgende Grundsätze sind mir dann hilfreich:
  • Ich habe keine fertigen Antworten und akzeptiere, dass Du auch keine hast.
  • Auf der Suche nach Antworten gibt es keine Regeln und Verbote, die Dein Denken begrenzen.
  • Es gibt auch keine Bewertungen, die Deine Person in Frage stellen.
  • Ich möchte Dir helfen, die Suche freier, offener und spannender zu gestalten, wo Du Dich festgefahren hast.
  • Ich werde Dich nicht verändern, am Ende aber wird vieles anders sein. (nach Petersen/Thiel: Tonarten, Spielarten, Eigenarten; Göttingen 2001)



 



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